September: Guru

Was ist ein Guru?

Ein Blick auf den Ursprung des Wortes „Guru“ selber hilft zunächst ein Verständnis für die Bedeutung zu bekommen. In Sanskrit steht die Silbe „gu“ für Dunkelheit und „ru“ für Vernichter/jemand der vertreibt. Das heißt „Guru“ heißt wortwörtlich, der, der die Dunkelheit vertreibt und das ist auch schon die Erklärung, was die Aufgabe eines Gurus ist. Ganz gleich ob Yoga für uns ein Weg ist, der von der Illusion der Trennung zur Wahrheit des Eins seins, von Angst zur Liebe, oder von Unwissenheit zur Weisheit führt, oder wir Yoga als einen Weg der Entdeckung unseres „höheren Selbst“ verstehen, könnte man sagen, Yoga führt uns aus der Dunkelheit ins Licht. Das bedeutet daher, das die Rolle des Gurus, der der die Dunkelheit vertreibt ist, uns durch diese Reise zu führen. Manchmal wird in unserem westlichen Verständnis Guru als ein Lehrer übersetzt, was aber wichtige Aspekte der tatsächlichen Bedeutung vernachlässigt.

Anders als ein Lehrer, der Vorträge haltet, der versucht Information an seine Schüler weiter zu geben, die auswendig gelernt und genauso wieder gegeben werden muss um gängige akzeptierte Formen von Wissen zu präservieren, ist ein Guru jemand, der seinem Schüler ermöglicht, die Wahrheit für sich selber zu erfahren. Ein Guru sagt seinem Schüler nicht, was er wissen muss. Er führt ihn stattdessen auf seinem eigenen Weg um die Wahrheit selber zu erkennen. Genau wie alles andere im Yoga, basieren auch die Lehren des Gurus, die Beziehung zwischen Guru und Schüler, und das Weitergeben von Weisheit auf direkter Erfahrung anstatt intellektuellem Verständnis. Der Philosoph Eknath Easwaran erklärt, dass die Lehren der yogischen Schriften, wie zum Beispiel die Upanishaden nicht als Philosophie im westlichen Sinne verstanden werden können, aber als “darshana, ‘etwas gesehenes. Das heißt, dass von einem Schüler, der etwas gelehrt bekam, erwartet wurde, dass er nicht nur den Worten des Gurus lauschte, aber sie zu realisieren: Das heißt, das Gelernte in seine Wahrheit umzuwandeln, und diese Wahrheit einen Teil seines Wesens, seines Verhaltens und seines Bewusstseins werden lassen.

Das bedeutet nun, dass ein Guru seinem Schüler ermöglicht eine gefühlte und erlebte Erfahrung der spirituellen Lehren des Yogas zu haben. Das bedeutet weiter, dass ein Guru also jemand ist, der den Weg zeigt aber seinem Schüler nicht sagen kann, wie dieser Weg aussehen muss. Da der Guru aber seinen eigenen spirituellen Weg gegangen ist, ist er sich bewusst, dass Hindernisse aufkommen können, und er hat etwas mehr Erfahrung als der Schüler, wie man diese Hindernisse überwinden kann. Daher kann der Guru Ratschläge geben und seine Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, wenn sich der Schüler verloren, entmutigt und geschwächt fühlt. Die Rolle des Gurus daher ist es nicht Vorträge zu halten, zu verurteilen und zu kritisieren, sondern vielmehr dem Schüler zu erlauben seine eigenen Erfahrungen zu sammeln, ihn zu inspirieren, ihm bei zu stehen und Unterstützung an zu bieten.

Im westlichen Verständnis ruft das Konzept des Gurus manchmal negative Assoziationen hervor und erinnert an Kult Persönlichkeiten und die Idee einen „Guru zu finden“ wird mit Abwehr begegnet. Diese Abwehr ist aber nur eine Reaktion die auf Grund unserer eigenen, auf Angst beruhenden Glaubenssätzen an denen wir manchmal auch unbewusst festhalten, aufkommt. Vielleicht wehren wir uns gegen eine solche Idee, weil wir gelernt haben, dass man im Leben nur weiterkommt, wenn man unabhängig, selbst-versorgend, progressiv und vorwärts denkend ist. Wieso bräuchte man als eine solche eigenständige Person also einen Guru der einen nur zurückhalten würde und uns abhängig machen würde? Dem yogischen Verständnis nach ist das aber nicht an was ein Guru wirklich interessiert sein würde. Eine Beziehung zwischen Guru und Schüler würde nie auf Abhängigkeit basieren, würde den Schüler nie an ein rigides System von Regeln und Verboten binden, dass sein Wachstum hindern würde. Ein Guru hilft seinem Schüler schlichtweg jene Dinge über sich selber zu erkennen, die er sonst nicht sehen könnte, in dem er Werkzeuge – die yogischen Praktiken – anbietet und erklärt, wie diese Werkzeuge benützt werden.

Dann gibt es aber auch jene die verbissen auf der Suche nach einem Gruru sind. So eine Suche kann ebenso von Angst getrieben sein. Wenn wir nach einem Guru suchen um uns erfüllter, glücklicher, selbstbewusster, geliebter, akzeptierter und anerkannter zu fühlen, dann benützen wir einen Guru nur um etwas in uns drinnen zu füllen, dass nur die Realisierung unseres „höheren Selbst“ und die Wahrheit des Eins Seins füllen kann. Yoga ist eine Reise in unser Inneres und solange wir zu abhängig von einem Guru sind, suchen wir noch immer im Außen nach Erfüllung. Wenn wir eine Person auf ein Podest stellen, dann ist diese Person kein Guru der uns unsere innere Wahrheit zeigen kann, weil wir die Person vor die eigentliche Suche stellen. Der Buddha wird zitiert als gesagt zu haben, wenn er auf den Mond zeigt, schaue nicht zu ihm der zeigt, sondern schaue zum Mond. So ähnlich geht es auch im Yoga – dem Weg der Selbst-Erkenntnis, Einheit, und Verbindung –  nicht um den, der darauf zeigt, sondern um die Erfahrung selber.

Es mag paradox erscheinen, aber sobald wir uns selber erlauben uns von einem Guru führen zu lassen, alleine mit der Absicht die Reise zum „höhere Selbst“ an zu treten, werden wir erkennen, dass alle Weisheit, alles Wissen und alle Erfahrungen schon in uns innen wohnen. Das heißt, was zunächst noch im äußeren ist, führt uns dazu unseren eignen Guru in uns zu erkennen. Wir brauchen nur ein wenig Hilfe um die Hindernisse die zwischen uns und dieser Erkenntnis unserer inneren Wahrheit, stehen, zu beseitigen. Deshalb scheint der Guru Licht, dort wo Dunkelheit herrscht, er bringt Glauben wo Zweifel herrscht, Mut wo Angst herrscht, und Liebe wo Hass herrscht. Wenn das zu abgehoben oder abstrakt klingt brauchen wir nur auf die Menschen in unserem eigenen Leben blicken und dann erkennen wir vielleicht, dass wir schon mehr als einem Guru begegnet sind. Vielleicht gibt es ja jemanden der uns dazu inspiriert eine bessere Version unser Selbst zu sein einfach nur dadurch wie diese Person selber ist. Vielleicht gibt es jemanden, der an uns glaubt auch wenn wir uns noch so schwach fühlen, jemanden der uns Raum gibt so zu sein, wie wir sind, jemand der mit uns teilt, wie er durch seine eigenen Schwierigkeiten gegangen ist ohne uns zu verurteilen, jemand der das Beste in Anderen sieht und jemand der auf die Kraft spiritueller Prinzipien und einer spirituellen Praxis vertraut.

Ein Guru ist jemand der auf seine eigenen Worte Taten folgen lässt, der mit Beispiel vorrangeht, mit Bescheidenheit dient, von seinem Herzen spricht, mit Integrität handelt, und andere inspiriert. Jeder von uns kann ein Guru sein – wir brauche nur weitergeben was wir wissen und wirklich wissen, was wir weitergeben!

Namaste!

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