Juni: 12 Yogische Schritte zur Mentalen Gesundheit

Bali, Mai 2020

Wir dürfen uns genauso um unseren Geist kümmern, wie wir uns die Zähne putzen. Eine tägliche Routine um unseren Verstand, gesund zu halten. Warum beugen wir nicht einfach vor, anstatt auf Krankheit, Zahnschmerzen oder den Zusammenbruch zu warten?

Mein Vater starb vor zwei Jahren an alkoholbedingter Demenz und ich durfte die letzten zwei Jahre mit ihm verbringen. Es war für mich wirklich unverständlich, wie er aus dem Fenster schauen konnte und dabei weder die Dunkelheit, noch das Licht des Tages sah. Seine meisten Erinnerungen waren gelöscht und er lebte in einer anderen Welt – jahrelang. In den letzten Wochen habe ich auch miterlebt, wie eine sehr enge Freundin innerhalb weniger Wochen in eine tiefe Depression fiel; sie ist eigentlich der Typ, der nicht depressiv ist. Sie ist sonst das Licht der Familie.  Es geschah alles so schnell, während der Isolationsperiode hier in Bali, verzweifelt über die Situation in der Welt – so schnell, dass es uns alle sehr überraschte. Glücklicherweise gelang es ihr, mit guten Freunden und einer großartigen Familie um sich herum, einen guten Arzt zu finden und mit Hilfe von Medikamenten, täglichem Schwimmen, gutem Essen und Yoga sehr schnell wieder zurück zu finden. Aber sie war diszipliniert, stellte eine Routine auf und wurde aufgefangen, bevor sie zu tief in die dunkleren Ecken des Geistes fiel. Weniger Glück hatte eine Wiener Schülerin von uns, die seit Jahren in Bali lebt. Ihre Depression in der Isolation hat ihren Geist so vollständig eingenommen, dass sie sich in einer akuten psychotischen und paranoiden Störung befindet. Wir konnten sie nicht mehr zu Hause pflegen, und leider ist sie jetzt gerade im Krankenhaus – es berührt mich zutiefst,  was der Verstand uns Menschen antun kann. Deswegen dieser Text.

Was ist hier genau geschehen? Kann mir das auch passieren?

Und was kann ich tun?

All diese Vorkommnisse sagen mir, dass der Verstand in guten, wie in schlechten Zeiten schnell überhandnehmen kann. Ich habe wirklich das Gefühl, dass es vor allem die Präsenz und Prävention  ist, die uns speziell in den heutigen Zeiten,  in denen wir oft unsicher reagieren, helfen kann. Vorbeugung in Form von täglichen Routinen und Praktiken, die wir ganz simpel in unseren Alltag integrieren können, eben – genauso wie Zähneputzen –  um uns geistig fit zu halten, so dass man auch dann, wenn etwas schiefläuft, Stabilität findet, und zwar im Inneren. Finde den Kern deines Wesens, der stet, friedlich und sogar freudig ist, ganz gleich, was um Dich herum passiert. Im Yoga nennen wir diesen Ort Atman – das wahre Selbst. Yoga wurde kreiert, um den Geist zu bändigen und uns zu helfen, wenn mal die rosa Brillen nicht vorhanden sind.

Was ist also in der Praxis zu tun?

Ich habe 12 YOGISCHE SCHRITTE ZUR MENTALEN GESUNDHEIT zusammengestellt, die uns helfen können in einer Welt, die uns manchmal an unsere Grenzen oder sogar darüber hinaus führt, gesund zu bleiben. Aber ist es wirklich die Welt? Oder ist es unser eigener Geist, der uns oft regelrecht in den Wahnsinn treibt?

Buddha: „Was du denkst, wirst du: Der Geist ist alles!“

Die 5 Koshas, die yogischen Schichten Deines Seins, helfen Dir,

die 12 Schritte zu einem klaren Geist auszulegen.


 

AUS DEINEM KOPF HERAUS, IN DEINEN KÖRPER HINEIN –

DIE PHYSISCHE SCHICHT – ANAMAYA KOSHA

 

Schritt 1:   Bewege Deinen Körper mindestens einmal am Tag bewusst, mindestens 30 Minuten lang. Gehe morgens barfuß durchs Gras oder mach einen Spaziergang durch die Natur oder den Park; tanze; jogge; besuche ein Fitnessstudio; roll Deine Yogamatte aus oder mach eine Fahrradtour – was auch immer Du wählst – spüre Deinen Körper und SCHWITZE EINMAL TÄGLICH. Spüre Deine Knochen, Deine Muskeln. Dein Körper ist das Vehikel Deiner Seele und Dein größter Lehrmeister.

Schritt 2:   Iss SATTVISCH – lass Deine Nahrung Deinen Körper und Taten unterstützen, damit Du Dein Bestmögliches entfalten kannst. Im Yoga konzentrieren wir uns auf eine sattvische Ernährung – d.h. so rein, sauber, frisch, ohne Chemikalien, gewaltfrei und individuell angepasst wie möglich.

Schritt 3:   Nimm Dir jeden Tag einen Moment Zeit zur Zentrierung (idealerweise bevor Deine tägliche Meditation beginnt oder wenn Du in der Straßenbahn sitzt oder gönne Dir, wenn auch nur für 5 Minuten, eine Auszeit, beispielsweise im Bürostuhl) und mach eine ERDUNG MIT KÖRPERSCAN – setze Dich ruhig hin und schau nach innen. Spüre die Füße oder Sitzknochen fest auf dem Boden verankert und fühle die tiefe Verbindung zur Erde. Schließe Deine Augen, beobachte und verlangsame den Atem und, wie ein inneres Röntgenbild, schau nach, wo Deine Verspannungen sind, wo Deine Schmerzen lagern, oder wo Du Dich besonders gut fühlst. Gib Deinem Körper Aufmerksamkeit. Werde Dir bewusst, was Dein Körper jetzt in diesem Moment braucht. Was sagt der Körper zu Dir? Nimm Dir täglich einen kurzen Moment oder mehrere Momente aus Deinem Tag heraus und HÖRE DEINEM KÖRPER ZU! Warte nicht auf die Krankheit. Beuge sie vor.

 

DER ATEM IST ALLES!

DIE ENERGETISCHE SCHICHT – PRANAMAYA KOSHA

 

Schritt 4:   Wenn der ATEM unruhig ist, dann ist es auch der Verstand – kontrolliere also den Atem, dann sind Deine Gedanken auch entspannt! Halte einfach inne, nimm Dir einen Moment Zeit und konzentriere Dich komplett auf Deine Atmung, wann  immer Du gestresst oder ängstlich  (eifersüchtig, traurig, neidisch …) bist oder wenn Du einfach nur einen Moment der Ruhe und Klarheit brauchst, wie vor einer großen Entscheidung. Schließe die Augen, finde Deine Atmung, beobachte sie, vertiefe sie, verlangsame sie und beginne sie bewusst zu regulieren.

Das bewusste Regulieren nennen wir in Yoga Pranayama. Das sind erstaunliche und vielfältige Atemtechniken, die in verschiedenen Situationen helfen – frage Deinen Yogalehrer, welches Pranayama zu Deiner aktuellen Lage passt. Mein liebstes Pranayama zur Entspannung und Auszeit ist folgendes: ich zähle bis 4 beim Einatmen und dann bis 8 beim Ausatmen, ich atme hier nur sehr langsam und tief durch die Nase mit entspanntem Gesicht und Kiefer, während ich nach einem Bodyscan zum Beispiel die Augen schließe und die Füße fest auf dem Boden verankert habe – 12 Runden lang. Das funktioniert bei mir jedes Mal, wenn ich mich aufrege oder in einer schwierigen Situation bin, wie z.B in einem Krankenhaus. Oder ich liebe  Nadi Shodana – die abwechselnde Nasenatmung – auch diese Atemtechnik funktioniert für mich jedes Mal.

 

DEN AFFEN ZÄHMEN

DIE SCHICHT DER 5 SINNE – MANOMAYA KOSHA

Schritt 5:   Nimm Dir jeden Tag Zeit für einen GEDANKEN & EMOTIONEN SCAN – oft passt das gut gleich nach dem Körper Scan oder wann auch immer die Zeit gerade gut passt für Dich – ein Moment, wenn der Kopf überlagert ist. Finde einen Zeitpunkt, Deine Auszeit – werde still und höre einfach Deinen Gedanken und Gefühlen zu. Gebe ihnen Raum, beobachte sie, akzeptiere sie, ohne sie ändern zu wollen, beurteile sie nicht –  lass sie einfach sein. Gib auch Deinem Traurigsein Platz, anstatt wegzulaufen oder es zu bekämpfen, schau es an, sitze damit, atme – es ist ok, so zu fühlen. Du fühlst so –  sei im Moment, schau was damit passiert, wie es transformiert.

Schritt 6:   Lege Dir einen TÄGLICHEN ZEITPLAN fest – es geht nicht darum, streng mit Dir zu sein (natürlich sind Ausnahmen die Regel!) und Dich selbst zu drängen, sondern darum, Deinen Geist und Dein Leben zu ordnen, um Dir zu helfen, auch dann klar zu sein, wenn Du Dich überfordert fühlst.  Unten findest Du ein Beispiel für einen Zeitplan (erstellt in Zeiten der Quarantäne) – „repetition makes the magic rise!“

 

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Schritt 7:   KARMA YOGA – zurückgeben, jemandem helfen. Wenn der Verstand in einen Modus der Angst ums Überleben oder einer Depression übergeht, ist es oft das Beste,  jemandem zu helfen, der wirklich Hilfe braucht und dies selbstlos zu tun, anstatt zu fragen: Was springt für mich dabei heraus? (wahre Geschichte: als ein steinreicher, depressiver New Yorker in die Slums von Kalkutta reiste und Mutter Theresa um ihre Hilfe bat, reichte sie ihm eine Schale mit den Worten: „Geh jemanden füttern!“)

 

IN DIE TIEFE TAUCHEN

DIE WEISHEITS-SCHICHT – VINJANA MAYA KOSHA

Schritt 8:   JNANA YOGA – tägliches Lesen/Studieren von antiken / yogischen Schriften/ guten Büchern für Dich oder Deine eigenen Tagebuchaufzeichnungen, wie simples Aufschreiben Deiner Anliegen oder wie Dein Tag verbracht wurde. Das Bringen von Stift zu Papier oder einfach nur das Schreiben Deiner täglichen Dankbarkeitsliste kann oft Berge versetzen.

Schritt 9:   SVADHYAYA – Selbststudium – welche Muster wiederhole ich? Was bringt mich immer wieder in Schwierigkeiten? Ist es das Gleiche? Was sind meine Ängste? Was sind meine Ressentiments? Es sind nie die anderen. Andere zu beschuldigen, feuert nach hinten los. Wo ist mein Teil darin? Warum ziehe ich diese Situation oder diese Person immer und immer wieder an? Durch die Zusammenarbeit mit Deinem Lehrer, Deinem Therapeuten, einem guten, wohlmeinenden, unterstützenden Freund, Deinem Sponsor (im 12-Schritt-Programm) oder z.B. durch die Arbeit an Byron Katies „The Work“ kannst Du Dich selbst tiefer kennenlernen und transformieren, um Dir Dein Leben leichter zu machen, anstatt den anderen die Schuld an Deiner Lage zu geben.

 

GLÜCKSELIGKEIT – ZUFRIEDENHEIT FINDEN

DIE SELIGE SCHICHT – ANANDA MAYA KOSHA

Schritt 10: BHAKTI YOGA – Übergeben aller Ergebnisse an eine Höhere Macht, Quelle, Natur – manche nennen dies das Göttliche oder Gott – aber es muss weder religiös sein, noch einen Namen haben. Es ist etwas Größeres als Du, das Universum, Dein Gebet an wen oder was auch immer – es kann der Gruppengeist Deiner Lieblingsgruppe sein. Glaube, Hoffnung, Gesang, Mantras, Gebete und Tanz unterstützen uns auf unserem Weg, geben uns magische Kraft durchzuhalten, zeigen uns neue Wege, die wir noch nicht sahen – es gibt viel mehr Lösungen, als das Auge oder der Verstand sehen können. Es gibt Eingebungen, Wunder, Phänomene … allein das Einschalten eines Gesangs könnte Deinen Geist im richtigen Moment wieder zur Vernunft bringen. Lass Dir täglich etwas Bhakti in Dein Leben sickern. Raus aus dem Ego und dem Mikrokosmos – rein in die unendlichen Möglichkeiten des Universellen Bewusstseins und des Makrokosmos! Have faith!

Schritt 11: DHYANA – Regelmäßige, ausgedehnte oder bedeutsame Mediationen sind letztlich das Portal zum universellen Bewusstsein, das uns aus unserem eigenen Ego herausholt und das größere Bild sehen lässt. Es geht über das Physische hinaus, aber es macht das manifeste irdische Leiden leichter und bedeutungsvoller. Es gibt Lösungen zu Fragen wie, warum sind wir eigentlich hier, warum das alles, was soll ich tun? Thich Nhat Hanh meint, idealerweise meditieren wir den ganzen Tag, bei jeder Handlung, die wir tun.

„Ohne Meditation kannst Du
das Wissen über das Selbst nicht erlangen.
Ohne seine Hilfe kannst du nicht
in den göttlichen Zustand hineinwachsen.
Ohne es kannst du dich nicht befreien von den Fesseln des Geistes und Unsterblichkeit erlangen.
Meditation ist der einzige königliche Weg zum Erreichen der Freiheit. Es ist eine geheimnisvolle Leiter,
die von der Erde in den Himmel reicht,
von Irrtum zu Wahrheit,
von Dunkelheit zu Licht,
von Schmerz zu Glückseligkeit,
von Unruhe zu Stille,
 von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit.“      
       Swami Sivananda

Schritt12:  ANANDA – Freude, Segen, Leichtigkeit – wenn wir erkennen, dass wir eins sind mit dem höheren Bewusstsein, dem Göttlichen und mit allen anderen Wesen dieser Welt und verstehen, dass wir in unserem wahren Selbst (atman) unendlich und ewig sind, dann spüren wir den tiefen Funken der Leichtigkeit im Kern unseres Seins. Das Tun und Wollen hört auf, und die Fülle des wahren Seins wird im Moment verwirklicht.  Mit einem Lächeln erkennen wir tief, erinnern uns und entspannen, ganz gleich welches Chaos um uns herum herrscht. Wir lassen los und der Geist ist glasklar.

 

Beate McLatchie


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