September: Yoga im Alltag

„Ich kann nicht Yoga machen, ich bin nicht flexibel genug“, „Yoga ist nichts für mich, es ist mir zu langsam/langweilig/anstrengend…“. Wer hat diese oder ähnliche Aussagen nicht schon gehört, wenn das Gesprächs-thema zufällig auf Yoga kommt, oder vielleicht sogar schon einmal selber gedacht?

Obwohl Yoga immer populärer und von mehr und mehr Menschen praktiziert wird, verbreiten sich gleichzeitig auch verschiedenste Ansichten darüber, was Yoga eigentlich ist. Speziell in unserer westlichen, oft fitness-orientierten, Welt, scheint Yoga immer mehr auf seine körperlichen Aspekte reduziert zu werden. Durch diese Reduzierung des Begriffes Yoga wird der Bereich, in dem es sich ausbreiten kann, ebenso eingeengt. So wird Yoga nur noch auf die Yogamatte und die vier Wände eines Studios oder seiner eigenen Räumlichkeiten beschränkt. Dabei ist das wahre Übungsfeld von Yoga so viel größer, weiter und tiefer, als diese räumlichen Grenzen.

Schauen wir zum Beispiel zu einer der wichtigsten Texte, welcher die Grundlagen, Techniken, Zustand und das Ziel von Yoga erläutert, den Yoga Sutren von Patanjali, dann sehen wir rasch das Patanjali den körperlichen Aspekt von Yoga keineswegs in den Vordergrund stellte. Asanas, oder Körperübungen, bilden gerade einmal eine Stufe in einem acht-gliedrigen System, dessen Ziel keineswegs nur körperliche Gesundheit und Ästhetik ist, sondern vielmehr Selbstverwirklichung und Selbsterkenntnis.

Selbstverwirklichung und Selbsterkenntnis haben viel mehr mit Innenschau, tiefer Reflektion, und emotionaler und spiritueller Reife zu tun, als damit auf den Händen zu stehen oder bei einer Vorwärtsbeuge seine Oberschenkel und Zehen zu berühren. Auch der Zustand und das tiefe Wissen des Eins-seins, und der Einigkeit, was eigentlich die wörtliche Übersetzung von Yoga wäre, kommt weniger von akrobatischen Verbiegungen, als von den emotionalen und psychischen Prozessen die durch die Praxis von Asanas und Pranayama angeregt werden und sich durch beständiges Üben entfalten.

Die äußerliche Praxis ist also vielmehr ein Werkzeug für innere Veränderung, und diese kann in allen Situationen unseres Lebens passieren oder sich wieder spiegeln. Genauso wie auch die Asana Praxis eigentlich ein Spiegel für unsere momentane innere Einstellung zu uns selber, zu anderen Menschen, und zum Leben ist. Wenn wir uns auf der Matte selber kritisieren, an uns zweifeln, mit allen rund herum unzufrieden sind und schon die ganze Stunde lang heimlich unseren Nachbarn, der scheinbar alles so viel besser kann, beobachten, dann sind die Chancen sehr groß, dass diese gleichen Gedankenmustern in anderen Bereichen unseres Lebens ebenso aktiv sind.

Wenn wir beginnen genau hinzusehen und zu horchen, können wir das Erlebte oder Gedachte auf der Matte sogar beginnen bei der Arbeit, in unseren Beziehungen, beim Einkaufen, zu Hause – sprich in ganz alltägliche Situationen – wiedererkennen. Genau dann, in diesem Moment des Bewusstwerdens, beginnt sich Yoga von unserer Matte in unser Leben auszubreiten.

Wenn wir anfangen, uns über unsere eigenen Gedanken und unser eigenes Verhalten bewusstzuwerden, haben wir auf einmal die Wahl. Hören wir unseren Gedanken weiter zu und glauben ihnen alles was sie sagen? Lassen wir uns von ihrer Kritik an uns selber und der Eifersucht auf anderer soweit beeinflussen, dass wir einen unschönen Kommentar abgeben oder aus einer Situation ein Drama machen, wo es eigentlich keines gibt? Oder aber, genau wie uns zum Beispiel ein Lehrer auf unserer Matte anleiten würden, konzentrieren wir uns auf das, was gerade vor uns liegt, sei es die Yoga Pose oder die eigentliche Situation im Alltag? Lassen wir unsere Gedanken wieder gehen, ohne auf sie zu reagieren und versuchen einfachen ruhig weiter zu atmen? Das ist auch Yoga und das geht überall. Nicht nur auf der Matte.

Patthabi Jois, der „Vater“ des Asthanga Vinysa Yoga Systems, in dem Schüler nacheinander verschiedenste Serien lernen, war bekannt dafür zu sagen, dass die siebte Serie die Familie sei. In Ashtanga Vinyasa gibt es sechs Serien, die aus Asanas bestehen und circa fünf Praktizierende, die alle sechs Serien gemeistert haben. Die wirkliche Herausforderung, laut Jois, ist aber die Familie. Dort, im alltäglichen Leben, abseits unserer physischen Performance beginnt das eigentliche Yoga.

Für die alten Yogis war Yoga ein komplexes System, dass das Bewusstsein erweitert. Die Zeit für die Praktiken, die ein solches bewirken, kann natürlich im ruhigen Rahmen, abseits von äußerlichen Ablenkungen stattfinden. Die Auswirkungen dieser Bewusstseinserweiterung aber können nicht eingezäunt werden und beschränken sich sicherlich nicht nur auf Äußerlichkeiten.

Ob wir also wollen oder nicht, wenn wir ernsthaft beginnen regelmäßig Yoga unter der Anleitung eines erfahrenen Lehrers zu praktizieren, dann breitet sich Yoga ganz von alleine in unserem Leben aus. Unser Bewusstsein, die Selbsterkenntnis und -verwirklichung kennen keinen Unterschied zwischen „on the mat“ / „off the mat“. Das was ist, ist einfach da. Immer und überall. Es sind nur wir, die diese, und alle anderen Trennung schaffen, aber auch wieder aufheben können.

In diesem Sinne, frohes Praktizieren. Immer und Überall

 

von Carina Hilmar

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