Juni: Yoga & Politik

Wie yogische Grundsätze zum Engagement auffordern

Entwicklung einer politischen Haltung, die weniger spaltend und achtsam ist

Verbunden in der Vielfalt*

Es ist eine bewegte Zeit – aktuelle Themen wie Klimaschutz und jüngste politische Ereignisse in Österreich berühren uns tief. Es ist eine Zeit der Veränderung, eine unaufhaltsame Bewegung, die uns alle betrifft und die wir spüren.

“Die Veränderung kommt, ob es dir gefällt oder nicht.” Greta Thunberg

Es kann unangenehm und unprofitabel sein, Änderungen mitzutragen oder einzuleiten. Der Wandel vollzieht sich augenscheinlich in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt, aber vor allem in jedem einzelnen von uns, vor allem in unserem Bewusstsein. Es ist eine Zeit der Bewusstseinsänderung.

“Um dein Leben nach außen zu verändern, musst du dich zuerst nach innen verändern.”                                                                         Louise Hay

Hier ist genau der Punkt, wo Yoga essentiell mit der Politik verbunden ist. Von seiner Grundbedeutung Jog=Verbindung aus über das Yoga des Karma (Aktion und Reaktion) und Dharma (Lebenssinn) bis zu Ahimsa (Gewaltlosigkeit), um nur einige yogische Aspekte zu erwähnen, wurden uns Werkzeuge gegeben, um Harmonie in uns und um uns zu schaffen. Wir denken: “Ha, das kleine Ich hat die Möglichkeit, die Welt zu verändern?” Ja genau. Schauen wir uns Greta an, die mit 15 Jahren alleine vor dem schwedischen Parlament saß und heute Millionen von Menschen auf der ganzen Welt bewegt. Bewusstsein, Mitgefühl und unerschütterliches Agieren eines Einzelnen ist zu einer globalen Bewegung geworden. Mein liebstes veganes Bio-Restaurant auf Bali, “Earth Cafe”, hat dieses Schild neben der Eingangstüre aufgemalt:

“Zweifle nie daran, daß eine kleine Gruppe von aufmerksamen, engagierten Bürgern die Welt verändern kann;

in der Tat sind es die einzigen, die es je geschafft haben.” Margaret Mead

YOGA BEDEUTET VERBINDUNG

Das Wort Yoga kommt aus dem alten Sanskrit-Wort “Jog”, das wörtlich übersetzt Union, Vereinigung bedeutet. Seine antike Wurzel basiert auf der Annahme, daß ALLE Lebewesen, einschließlich aller Aspekte der Natur und des Universums, miteinander verbunden sind. Yoga geht noch tiefer und besagt, daß unsere wahre individuelle Essenz (atman) in jedem und allem absolut gleich ist. Genau wie die Muschel, die du am Strand findest, die gleiche Spirale in sich trägt wie die in deinem Ohr. Kashmir Shaivism nennt dieses Phänomen “spanda” – die gleichen universellen Basisenergiewellen der Schöpfung, die durch alles pulsieren. Jeder Gedanke, den du denkst, jedes Wort, das du sprichst, die Musik, die du hörst und jede Beziehung, die du hast, vibriert gleichermassen durch spanda. Es spielt keine Rolle, welche Farbe deine Haut hat, ob du Teil der LGBTQIA+-Gemeinschaft bist oder zur heteronormativen Gesellschaft gehörst. Es spielt keine Rolle, von welcher Region & Kultur du stammst, welches Essen du bevorzugst oder ob du ein Mann oder eine Frau bist. Nicht nur, besagt Yoga, sind wir alle ein und dasselbe in unserer Essenz, sondern wir sind in unserem Wesen auch mit dem Tierreich und der Natur um uns herum eins.

Das gesamte Universum ist miteinander verbunden.

Wenn man das Universum (Brahman) wie einen Ozean betrachtet, dann ist jeder Einzelne ein Tropfen, aber wir sind gleichzeitig der gesamte Ozean, die gleiche Essenz. Das Wasser kann durch eine andere Region fließen, klar oder schlammig, zu Eis oder Regen werden, aber die Essenz ist immer die Gleiche.

“Du bist kein Tropfen im Ozean. Du bist der ganze Ozean in einem Tropfen.”  Rumi

Yoga legt dar, daß die Grundursache für alles Leiden, Kriege und die Unzufriedenheit in uns darin besteht, diese essentielle Verbindung nicht zu erkennen (avdiya) – unsere illusorische, selektive Erkenntnis von Trennung.

Wie verbinden wir uns? Wie funktioniert Verbindung (Yoga)? 

Die Verbindung ist eine Bewusstseinserweiterung und beginnt innerhalb von uns. Alles andere kommt von selbst. Sie ist linear nicht zu messen, deswegen auch nicht vorzustellen, sondern nur zu erleben.

Yoga ist eine innere Reise. Es fängt bei mir an. Jetzt. Hier kommt deine Yogapraxis ins Spiel. Das simple Ausrollen der Matte ist der Beginn von Veränderung und Vertiefung. Unsere Yogapraxis führt uns immer wieder zurück zu uns selbst. Wir werden ruhig, schließen die Augen, konzentrieren uns auf unseren Atem, scannen unseren Körper,  drehen alle Sinne nach innen – wir sind im Moment. Wir sind raus aus dem geschäftigen Treiben, wir schauen nicht fern, wir suchen nicht den Fehler bei anderen und wir übernehmen Eigenverantwortung. Wir werden bewusst. Wir sind achtsam. Jede Yogastellung (asana), in die wir uns hinein-bewegen, trainiert unseren Geist und synchronisiert unseren Atem mit der Bewegung, um uns zu zentrieren. Von hier aus können wir immer mehr und mehr unser “wahres Selbst” spüren. Das ist das Ziel von Yoga. Das Ziel ist nicht, in den Yoga Positionen toll auszusehen oder im Kopfstand zu brillieren. Wenn wir unsere Mitte spüren, wird die Trennungsillusion aufgedeckt, fühlen wir uns verbunden, zufrieden, in Frieden, still. Dies befähigt uns andere leichter zu tolerieren und besser zu verstehen, anstatt sie für unseren Ärger verantwortlich zu machen. Wir kommen ins Gleichgewicht. Dieses Gleichgewicht hat Auswirkungen auf alles in uns und um uns herum.

Verbunden zu sein bedeutet nicht, daß wir nicht verschiedener Meinung sein können. Vergeben bedeutet nicht, mit der Meinung oder dem Handeln von jemandem einverstanden zu sein. Unterschiedliche Religionen, unterschiedliche Ansichten, verschiedene politische Parteien sind willkommener Teil der Vielfalt der Menschheit. Aber wir sind in der Lage, über den Unterschied hinauszuschauen und die Gleichheit in unserem Wesen zu spüren. Wir erkennen, daß wir im Grunde genommen alle dasselbe wollen: Liebe zu uns selbst und unseren Freunden und Familie, Harmonie in unserer Umgebung, Stabilität in unserem Zuhause und Frieden in unserem Land. Wenn wir weiter schauen, sehen wir, daß auch die Tiere und die Natur das wollen, aber sie haben keine Stimme, also wird es unsere Stimme. Wir setzen uns für sie ein.

So sind wir in der nächsten politischen Diskussion mit unserem Nachbarn eher bereit, eine andere Meinung zu hören, wir ziehen es vor, in Harmonie zu sein, als darauf zu bestehen, daß unsere Sichtweise die richtige ist. Das inspiriert das Gegenüber auch zu Toleranz.

Viele Yogastellungen (asanas) werden nach der Natur oder Tieren benannt. Die Trennung verschwimmt, wenn wir uns in den Hund oder in den Kobra hinein bewegen. Wir wollen der Baum werden, verwurzelt in Vrksasana (Baumposition). Wir repräsentieren den Berg, majestätisch und stark in Tadasana (Bergposition). Wir werden zum Tier. Wir werden zur Natur. Wir verschmelzen in unserem wahren Ursprung. Und wenn wir von der Matte steigen, fühlen wir um so mehr, was sie fühlen. Wir können ihr Leid spüren. Deswegen passiert auch oft durch unsere Yogapraxis der Wechsel zum Vegetarier oder Umweltschützer. Der einzige Weg für uns selbst zufrieden und erfolgreich zu sein, ist, wenn die anderen es auch sind. Dann kommt der innere Friede. Ruhe und Zufriedenheit kehrt ein. Yoga nennet diesen Zustand auch gerne – Ananda – Glückseligkeit – unser Urzustand und unsere innerste von 5 Schichten (koshas).

“Der einzige Weg, uns selbst zu erheben, ist, das Leben anderer zu verbessern.” Sharon Gannon

YOGA BEDEUTET TAT

Das Grundprinzip des “Karma-Yoga” ist das Handeln – im tiefsten Sinn, das selbstlose Agieren. Die Bhagavad Gita (grundlegender vedischer yogischer Text) legt in dem berühmten Gespräch dar, daß Krishna Arjuna, dem Krieger, erklärt, daß Handeln besser ist als Nichthandeln, weil Handeln die Ordnung des Universums aufrechterhält und bewahrt.

“Nicht durch Enthaltsamkeit von der Arbeit erlangt ein Mann Freiheit vom Handeln; noch durch bloße Entsagung erlangt er seine Vollkommenheit. Denn niemand kann auch nur einen Moment bleiben, ohne zu arbeiten; jeder ist durch die Impulse der Natur hilflos zum Handeln animiert.” Bhagavad Gita, III, 4-5

Ich denke, es ist Zeit zu handeln. Sei es Selbstpflege, Yogapraxis oder Meditation in den Tag zu integrieren, sich für Themen, die uns bewegen, zu engagieren und Schritte zu setzen. Medien sind oft darauf ausgerichtet uns zu spalten, weil getrennt sind wir schwächer und damit leichter regierbar. Es ist an der Zeit, sich zu äussern, wenn Tiere misshandelt werden, Wald für Palmöl gefällt wird oder ein Politiker seine Macht missbraucht. Es ist Zeit, an einer Demo teilzunehmen, wenn dich etwas berührt, diesen Artikel zu schreiben, diese Radiosendung zu machen oder diese Rede zu halten. Es ist an der Zeit, weniger Plastik zu verwenden, weniger zu fliegen und weniger zu kaufen. Es ist Zeit zu handeln für Maßnahmen zur Erhaltung des Gleichgewichts unseres Universums. David Attenborough erinnert uns, was wir ganz simpel beitragen können:

“Verschwende nichts, sei verantwortungsbewusst.”

YOGA IST DHARMA

Yoga lehrt uns, Verantwortung  zu übernehmen. Die Bhagavad Gita legt dar, daß wir für einen bestimmten Grund, genannt Dharma, geboren werden. Was ist deine Bestimmung? Was ist dein besonderes Talent? Dieses Geschenk geht mit der Verantwortung einher unser Dharma zum eigenen Besten zu nutzen genauso wie für unser höchstes Ziel, Gemeinwohl. Denn unser wahrer Weg ist letztlich, anderen zu dienen (karma yoga), ohne nach persönlichem Gewinn zu streben.

Krishna erklärt Arjuna in der Bhagavad Gita, daß es keinen Weg gibt, wie er die Verpflichtung zu selbstlosem Handeln umgehen kann (siehe oben Karma-Yoga). Arjuna darf selbstlos aus Pflichtbewusstsein (Dharma) handeln. Er darf nicht zögern um seiner selbst willen, sondern das Gemeinwohl steht an erster Stelle.

“Du hast das Recht zu arbeiten, aber nie auf die Früchte der Arbeit. Du darfst niemals um der Belohnung willen handeln, noch darfst du dich nach Untätigkeit sehnen. Arbeite in dieser Welt, Arjuna, als ein Mensch, der sich in dir selbst etabliert hat – ohne egoistische Bindungen, und gleichmütig in Erfolg und Niederlage. Denn Yoga ist die perfekte Gleichmäßigkeit des Geistes”. Bhagavad Gita II.48

YOGA IST AHIMSA

Wie von Patanjali in seinen Yoga-Sutras innerhalb der Yamas und Niyamas (unser yogischer ethischer Leitfaden für das Verhalten gegenüber anderen und uns selbst) dargelegt ist, werden wir aufgefordert, gemäß unserer Wahrheit (satya) auf der Grundlage von ahimsa (Gewaltlosigkeit) zu leben, zu handeln und zu sprechen. Mahatma Gandhi war ein Weltführer, der eine ganze Nation allein nach diesem Prinzip regierte. Er trug das Buch der Bhagavad Gita ständig bei sich und drückte in folgenden Worten seine Liebe zur “Gita” aus:

“Ich finde Trost in der Bhagavagītā. Wenn mir die Enttäuschung ins Gesicht starrt und ich ganz allein keinen einzigen Lichtstrahl sehe, gehe ich zurück auf die Seiten der Bhagavagītā. Ich finde hier einen Vers und dort einen Vers und beginne sofort zu lächeln inmitten überwältigender Tragödien – und mein Leben war voll von äußeren Tragödien – und wenn sie keine sichtbare, unauslöschliche Narbe auf mir hinterlassen haben, verdanke ich das alles der Lehre von der Bhagavagītā”.

Es ist unser aller Dharma, gerecht zu sein und so wenig Schaden wie möglich an uns selbst und anderen um uns herum, der Umwelt und Tieren anzurichten.

In meiner Suche nach Verbindung zwischen Yoga und Politik ist mein Fazit, daß Yoga und Spiritualität nicht nur in Politik und Wirtschaft einen Platz haben sondern heutzutage mehr denn je gebraucht werden zum Wohle der gesamten Gesellschaft.

ONE HUMANITY – ONE WORLD

Mirabai Ceiba

 

geschrieben von Beate McLatchie

 

 

* dazu passend “united in diversity” ist das Thema des Lifeballs dieses Jahres

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